Tschernobyl - Entweichende Energien (1987)

Auszug aus der Einführung in die Ausstellung "Manfred Luz - Bilder & Objekte", Rottweil, Galerie Hochmauren (1989) von Barbara Lipps-Kant


Lagen seine Motive ursprünglich im traditionellen Rahmen von Landschaft, Stillleben, Figurenbild und Porträt, so zeigen sich seit 1986 eine Hinwendung zu freien Formulierungen bis hin zur Abstraktion. Gedanken werden in Farbe gefasst, in Form umgesetzt. Hoffnung, Angst, eine neue Menschlichkeit werden bildwürdig. Der Reaktorunfall von Tschernobyl, seine beängstigende, unausweichliche Realität haben im Leben jedes Einzelnen Spuren hinterlassen. Das furchtbare Erlebnis veranlasste Manfred Luz, seine eng gesteckten Grenzen zu durchbrechen. So kam es, dass er in wilden ausdrucksstarken Bildern sein Entsetzen herausschrie.


Das Diptychon "Entweichende Energien" ist eine solche Stellungnahme...

Es entstand als freie Doppelkomposition, ganz ohne die gewohnte Dinglichkeit, Perspektive oder Maßrelation, zeigt als Diptychon Blau, Gelb und Rot vor Weiß in gegenläufig aufstrebender Bewegungen. Man assoziiert Flammen oder farbige Dämpfe. Die Farbe ist in züngelnder Bewegung. Die große Geste des Malprozesses bleibt sichtbar, verstärkt sich noch durch die rhythmisierte Art der Farbgebung. Die aufgetürmte Farbpyramide hat nicht den oberen Bildrand erreicht. Das Aufsteigen in immer größere Höhen ist so perpetuiert. Kein Zweifel, dass der Künstler in dieser Darstellung einen Teil seiner Zukunft- und Überlebensängste bildhaft beschworen hat. Er bedient sich der Pathosformel des Diptychons - einer ursprünglich Altarbildern vorbehaltene Form - , um seine Anklage zu steigern. Das Ergebnis ist ein bewegendes Bild, das in Motiv und künstlerischer Konsequenz für eine ganze Reihe anderer Darstellungen Vorbildcharakter besitzt.