Höri Aquarelle

Auszug aus der Einführung in die Ausstellung "Manfred Luz - Aquarelle", Tübingen, Galerie im alten Schlachthaus (1988) von Barbara Lipps-Kant


ALs "Harmonie parallel zur Natur" (Paul Cézanne) erschließen sich die Aquarelle von Manfred Luz: kraft- und phantasievolle Arbeiten eines Malers, der das Staunen nicht verlernt hat. Manfred Luz malte in diesem Sommer am Bodensee. Das Erlebnis der Landschaft auf der Halbinsel Hört hat seine Darstellungen geprägt. Sein Staunen vor der Natur artikuliert sich in eigenwilligen Ansichten von großer Dichte und Kraft.


Ein Maler geht über die Höri, eine alte Kulturlandschaft, eine Landschaft der Künstler. Maler und Schriftsteller haben hier gewirkt, Bildhauer haben Zeichen gesetzt. Namen wie Otto Dix, Erich Heckel, Walter Herzger oder Hermann Hesse sind lebendig. Sie und viele Ungenannte haben das Land, den Fluß und den See oft und variationsreich geschildert. Manfred Luz ist den Spuren gefolgt und hat die Halbinsel in allen Richtungen durchmessen. Er hat sie in verschiedenen Stimmungen und Beleuchtungen erlebt und hat sie in ganz und gar unlieblichen Aquarellen portraitiert.


Bei seinem ersten Streifzug durch das Land stand er unvermittelt vor einem unter der Last der Früchte zusammengebrochenen Apfelbaum. Das knorrige, windgeschliffene Gebilde faszinierte ihn. Es entstand ein erstes Bildnis, dem weitere folgen sollten.

Nicht ganz zerbrochen, vielmehr um Leben ringend, so die Darstellung. Eine Schilderung, weitgehend an der realen Situation orientiert, der Baum groß ins Bild gerückt, das Umfeld aber dennoch mit erfasst. Aquarell über Kohle. Das Weiß des Grundes spricht in der bewegten Komposition mit.


Manfred Luz wandert weiter. Er malte den Blick auf den Rhein, jenen hinüber zur Reichenau ...

Wiesen und Felder ...

Wolken und Wind.

Doch immer wieder kehrt er zum Baum zurück. Als Symbol der Landschaft, als Zeichen von Werden und Vergehen, aber auch als bizarre Form stand er ihm Modell.


Immer beredeter, immer drängender, expressiver werden die Formulierungen, immer größer, monumentaler wird der Ausschnitt. Er malt ihn (i.e. Baum) gegen den sturmgepeitschten Nachthimmel aufgereckt, als geheimnisumwitterte, scheckeinflößende Gestalt., die Aststümpfe empor gestreckt, resignierend und aufbegehrend in einem.

Ein Baum im Umbruch - für den Künstler bedeutet die rätselhafte Gestalt auch Vanitas, Selbstidentifikation, fragiler Gradmesser des eigenen Lebens.

Und auch in den Blättern, in denen sich Manfred Luz ganz der Bodenseelandschaft zuwendet, in denen er Wiesen, Felder und Wälder, das Seeufer oder den Rhein malt und in denen der Baum bewußt nicht im Blick ist, auch hier ist er in Farbe, Form und Duktus verdeckt gegenwärtig. Es scheint als hätte der Künstler seine gestische Malerei in den Baumdarstellungen erprobt, um sie dann in anderen Motiven fortzuführen. Seine Handschrift ist kraftvoll bestimmt, bisweilen paraphrasierend, an anderen Stellen wild entschlossen und klar ein- oder abgrenzend.

Gestaffelte Ockertöne neben Schwarz, Violett, Blau, Rosa- und Rotnuancen, Grün und Gelb. In einigen Aquarellen hat der Künstler darüber hinaus mit dem Pinselstil gearbeitet, hat Zeichen in die nasse Farbe graviert und auf diese Weise den Ausdruck gestiegert.